Alleinerziehende ohne Ausbildung werden gefördert

Viel erfahren und viel gelacht
„Betriebliche Ausbildung Alleinerziehender“ verhilft Müttern zum Beruf - von Viktor R. Szymczak
Qualifizierte Berufsausbildung ist eine wichtige Voraussetzung, um in den Arbeitsmarkt integriert zu werden. Für Alleinerziehende ist die Ausbildungszeit aber besonders anstrengend, denn Kindeserziehung, beruflicher Alltag und Berufsschule müssen unter einen Hut gebracht werden. Kompetente Informationen und Hilfen gab es kürzlich für junge Mütter in der Grillhütte Bürgeln. Zum Sommerfest eingeladen hatte Bettina Niklaus, die das Landesprogramm „Betriebliche Ausbildung Alleinerziehender“ seit 1998 beim Marburger Verein Arbeit und Bildung leitet.
Eine entspannte Atmosphäre schwebte über der Veranstaltung. Herumtollende Kinder banden die „Besucher-Kinder“ sofort in die eigenen Spiele ein. Ehemalige und jetzige Teilnehmerinnen gaben Tipps und erzählten von ihren persönlichen Erfahrungen: Wer kann teilnehmen? Was wird vorausgesetzt? Wann kann man einsteigen? Welche Ausbildungsplätze werden angeboten? Wie sieht die Förderung konkret aus?

Bunt gemischtes Sommerfest Bürgeln 2011
Ausbildungs-Abbrüche in den über 12 Jahren Projektdurchführung, konnte man erfahren, erfolgten nicht so sehr wegen schlechter Leistungen oder Problemen im Betrieb, sondern wegen erneuter Schwangerschaft, schwerer Erkrankung oder belastenden Erlebnissen im familiären Umfeld.
„Generell entwickeln Mütter immer eine hohe Motivation und Fähigkeit zur Selbstorganisation, die sie zu leistungsfähigen und für den Betrieb attraktiven Mitarbeiterinnen macht. Sie zeigen stets einen großen Bewältigungsoptimismus“, betonte Programmleiterin Niklaus. Bäckerin, Optikerin, Medizinische Fachangestellte, Friseurin, Automobilkauffrau, Altenpflegerin, das seien die augenblicklichen Ausbildungen, beantworteten Team-Kolleginnen Barbara Scheffer und Veronika Damjanovic die Frage einer Besucherin. Es hätte aber auch schon Ausbildungen wie Bestatterin oder Informatikerin gegeben. Durch vertiefende Gespräche und Eignungstests würden individuelle Berufsbilder herausgefiltert, durch entsprechende Praktika erprobt …. bis das Richtige für die Teilnehmerin gefunden sei.
„Die Gruppentreffen sind wirklich vielseitig und cool. Wir Frauen sagen, was uns unter den Fingern brennt, was wir wissen möchten: Wie Schulden geringer werden, wie unsere Kinder gesünder essen oder was neue Gesetze mit uns zu tun haben“, erläutert eine teilnehmende Mutter den Besucherinnen. Und: „Ohne das Projekt hätte ich nie eine Ausbildung gehabt… und jetzt…. jetzt hab ich sogar einen tollen Job“, ergänzt eine „Ehemalige“, die jetzt als medizinische Fachangestellte arbeitet.
„Außergewöhnliche Belastungen verlangen außergewöhnlichen Service: Daher ist das Projekt auch abends zu erreichen und in Notfällen auch am Wochenende“, hebt die Leiterin hervor. Den ausbildenden Betrieben und den Alleinerziehenden wird sozialpädagogisch, finanziell und schulisch geholfen.
„Ich hab hier viel gelernt über berufliche Ausbildung und Kinderziehung. Ich werde die Teilnahme überall empfehlen“, sagte eine Besucherin mit entschlossener Stimme. Die Kinder der Teilnehmerinnen freuen sich übrigens besonders auf die neuen Spielkameraden: „Der Mark will mich besuchen, …. das ist doch cool“ sagte eine kesse Vierjährige zu ihrer Mutter.“
Das Projekt wird gefördert vom Hessischen Sozialministerium. Das KreisJobCenter finanziert die „ausbildungsbegleitende Hilfe (abH)“.
Kontakt: Bettina Niklaus, 06421-96360, niklaus@arbeit-und-bildung.de. Erste Informationen unter www.arbeit-und-bildung.de/bildung/ausbildung-alleinerziehender
Fotos: Viktor R. Szymczak
Hintergrund
In Deutschland gibt es rund 1,6 Millionen Alleinerziehende mit 2,2 Millionen Kindern. 41 Prozent aller Alleinerziehenden oder 650.000 erhalten Hartz IV, davon sind 95 Prozent Frauen. 800.000 Kinder von Alleinerziehenden sind dadurch armutsgefährdet. Die fehlende berufliche Ausbildung bedroht dabei besonders die jüngeren Mütter. Mit dem Programm “Betriebliche Ausbildung Alleinerziehender” fördert deshalb die Hessische Landesregierung schon seit 1998 Alleinerziehende, die keine abgeschlossene Berufsausbildung haben. Der Marburger Sozialverein Arbeit und Bildung ist seit der allerersten Stunde dabei, ebenso wie Projektleiterin Bettina Niklaus.
Rund 70 Prozent der geförderten Alleinerziehenden haben ihre Ausbildung in den vergangenen Jahren erfolgreich abgeschlossen. Über die Hälfte der erfolgreichen Absolventen wurde nach dem Ausbildungsende fest eingestellt
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