Neo Rauch und Rosa Loy: Suggestive Traumkunst

Neo Rauch. Revo, 2010
„Hinter den Gärten“ nennen Gartenbauingenieurin Rosa Loy und Professor Neo Rauch ihre erste gemeinsame Ausstellung in der Sammlung Essl, Klosterneuburg bei Wien. Damit eröffnet sich dem Betrachter nun beides: Sowohl die Künstler als eigenständige Persönlichkeiten kennenzulernen als auch das Verbindende und Gemeinsame zu entdecken. Die motivliche Fülle, die vielen Bilder im Bild, Bilderrätsel, zwingt zur genauen Wahrnehmung der unheimlichen und traumverlorenen Szenerien. Jedes Bild verbirgt unzählige Geschichten, die als Rätsel erscheinen und die scheinbare Klarheit der Darstellung unterlaufen. Er ist bekannter als Gattin Rosa Loy, wurde bereits zu Lebzeiten im New Yorker Metropolitan Museum ausgestellt, erzielt 10 Mal höhere Preise als sie. Das Dilemma des Künstlerpaars ist ein historisches, denkt man an das Schicksal von Paula Modersohn-Becker. Umgekehrt verhält es sich vielleicht bei der viel bekannteren Niki de Saint Phalle verglichen zu Ehemann/Künstler Jean Tinguely.
Doch während Neo Rauch (1960, Leipzig) seine großformatigen Motive mit leuchtenden Ölfarben auf die Leinwand bringt, benutzt Rosa Loy (1958, Zwickau) meist Kaseinfarben und erzielt damit feinere Effekte: „Schmetterlingsstaub“ nennt es ihr Gatte. Rauch lehrt an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst. Er vertritt eine figurative Ölmalerei wie sie auch in die Zeit vor 150-200 Jahren passen würde. In seinen kraftvollen Gemälden verbindet sich Werbegrafik, materialistischer Kunstansatz, Comic und Collage à la Max Ernst. Die großformatigen Werke sind surreal erstarrte Alltagsszenen, gegenständlich und gleichfalls nicht von dieser Welt. Seine Weltauffassung erzeugt schwere, in sich geschlossene Gesellschaftsszenen mit vorwiegend männlichem Personal. Sie zeigt die Welt kurz vor einem Zusammenbruch, könnte man meinen.

Rosa Loy. Rote Narzisse, 2006
Gattin Rosa Loy schafft intime, meist direkt mit dem Betrachter kommunizierende Szenen, regelhaft von Frauen getragen. Ihre allegorische Frauenwelt, in der auffordernde Gestalten mit offenen Blicken auftauchen, spiegelt das Grundgute im Menschen wider. Rätselhafte Visionen tummeln sich in mittelformatigen Darstellungen. Farbe ist dabei ein Blicklenkungsmittel in Loys jahreszeitlich geprägten Bildern. Sie möchte Gleichberechtigung auf hohem Niveau, keine Gleichmacherei:„Indem ich Frauen male und mich damit beschäftige, unterstütze ich sie, und sie können erstarken“, sagt sie im Interview. Manchmal genügt den Beiden ein Wort, um ein Bild auszulösen:„Klangräume schließen sich dann auf, Farben wehen hinein.“ Die Bilder von Loy-Rauch wirbeln Reales und Erträumtes stets durcheinander, gebären surreale Momentaufnahmen.
Menschen gruppieren sich bei Rauch in merkwürdiger Kleidung und mit bizarren Tierwesen (Revo, 2010, 3×5 m!). Fast einen Kampf der Titanen sehen wir bei Rauchs Werkentstehung. Er brauche das „Eins-zu-eins-Gegenüber“, das Gefühl: „Die Figuren, die ich da heraufbeschwöre, die könnte ich auch bei den Schultern packen (…). könnte sie herausschmeißen aus dem Bild…. Das sind also Figuren, die mir auf Augenhöhe begegnen. Ich brauche diese Konfrontation mit scheinbar realen Wesen….“, so Neo Rauch. Seine Bildwelten verstehen sich als allegorischer Umgang mit kollektiven Gedächtnisinhalten, wie dem Sozialismus der DDR. Bruchstückhaften Spuren der Vergangenheit werden auf der Bildebene zueinander in Beziehung gesetzt und lösen viele Assoziationen aus.
Was aber hat es mit den überall auftauchenden Farbtöpfen auf sich? Verschmitzt, ironisch wie Sigmar Polke meint Rauch dazu: „Farbtöpfe sind ein augenzwinkernder Hinweis darauf, dass es sich um Malerei handelt.“ Es geht in den Bildern der Beiden nicht um Fakten, sondern um die „atmosphärischen Schwebeteilchen“, quasi das Drumherum in der Gesellschaft, die sie umgeben. Dem könnten auch Niki de Saint Phalle, Sigmar Polke bis Duchamp sicher ebenfalls zustimmen.
Kunst-Abgrenzungen von Loy Rauch
Bilder sind nicht zu erklären, zu vertexten, sondern die Menschen sollen sie auf sich wirken lassen. In Rauchs Worten: „… der liebste Betrachter ist mir der, der in der Lage ist, ein Bild auf sich wirken zu lassen.“ Das Aufgabengebiet der Kunst sei es, einen „Restbestand des Unentschlüsselbaren, des Nichtverbalisierten“ zu geben. Alles, was Rauch in Worte kleiden könne, brauche er nicht mehr malen.
Eine deutliche Abfuhr erteilen Rosa Loy und Neo Rauch dem Fotorealismus eines Chuck Close oder Robert Bechtle. Dies sei „von Grund auf abzulehnen“. Die „Heerscharen von Fotoabmalern“ seien eine „Landplage“. Auch Konzeptkunst wird generell abgelehnt: „… mir ist ein malender Philosoph lieber als ein philosophierender Maler“, so Neo Rauch.
Sinn und Zweck von Kunst allgemein
Malerei ist ein andauernder, experimenteller Prozess, aber nicht das Endstadium. Und jedes Kunstwerk ist bloß ein Entwurf, ein „Statischer Film“, der erst durch und in Betrachtern abgeschlossen wird, postulieren schon Vertreter der Russischen Avantgarde des 20.Jahrhunderts wie Wassily Kandinski, Kasimir Malewitsch oder Iwan Kljun, aber auch Andy Warhol, Joseph Beuys oder Sigmar Polke. Das Kunstwerk ist nicht einmalig, nur ein Entwurf auf der Staffelei. Der Betrachter schließt den künstlerischen Prozess durch Assoziationen ab. Klar und deutlich formuliert Marcel Duchamp 1959 in seinem berühmten Radiointerview: „Ein Kunstwerk existiert dann, wenn der Betrachter es angeschaut hat. Bis dahin ist es nur etwas, das gemacht worden ist, und wieder verschwinden kann, ohne dass jemand davon weiß.“
Rosa Loy sagt über die Deutung von Bildern: „… dass ich im Prinzip ein Angebot gemacht habe, und jeder kann daraus das ziehen, was er möchte und was für ihn wichtig ist.“ Und: „Jeder Betrachter kann ein Bild für sich selbst entschlüsseln…“. Kunst habe die „atmosphärischen Schwebeteilchen“, also das gesellschaftliche Drumherum von Fakten, zu erfassen und zu versinnbildlichen. Sie soll abbremsen, ausbalancieren und bannen.
Für Malewitsch war Kunst die Übermittlung von Sinneswahrnehmung. Und Farbe begleitet jede erlebte Sinneswahrnehmung. Daraus leitet er die uneingeschränkte Vormachtstellung von „Farbe“ ab, den Suprematismus oder „chromatischen Realismus“ in der Malerei.
Lassen wir unsere Betrachtung zeit- und stilüberspannend ausklingen: Neo Rauch modifizierte einst einen berühmten Ausspruch von Carl von Clausewitz, den so auch Sigmar Polke, Niki de Saint Phalle oder Kasimir Malewitsch hätten unterschreiben können:“ Die Malerei ist bloß die Fortsetzung des Traumes mit anderen Mitteln.“
Viktor R. Szymczak
Zitate von Neo Rauch, Rosa Loy aus: Katalog „Hinter den Gärten“, Prestel 2011
Bilder: Portrait Rosa Loy und Neo Rauch, Foto: Barbara Klemm;
NEO RAUCH, Revo, 2010. 3 x 5 m. Foto: Uwe Walter© VBK, Wien, 2011
ROSA LOY, Rote Narzisse, 2006. 170 x 130 cm. Foto: Mischa Nawrata.© VBK, Wien, 2011
ROSA LOY, Demut, 2011. Foto: Uwe Walter. © VBK, Wien, 2011
NEO RAUCH, Kommen wir zum Nächsten, 2005. 280 x 210 cm. Foto: Uwe Walter. © VBK, Wien.
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